Die Physis von Ashtanga-Yoga ist mit keiner anderen Yoga-Art vergleichbar. Keine andere Yoga-Praxis ist körperlich derart fordernd und schweißtreibend. Bedingung ist man macht es richtig. Aber was heißt nun richtig? Ich selbst habe Jahre dazu benötigt, um die Idee und Essenz von Ashtanga zu verstehen.

Die Magie von Ashtanga YogaIn der Ashtanga-Praxis werden Vinyasas und Asanas in einer fest vorgegeben Folge absolviert. Bei den Körperhaltungen (Asanas) sind Blickrichtung, Atem und Dauer exakt vorgegeben. Jede Übung baut auf die vorherige auf und erfordert eine exakte Ausrichtung der Gelenke und des Körpers (Alignment). Meistens werden 5 tiefe Atemzüge (Pranayama) in der Haltung verbracht, bevor es dann häufig mit einem zwischengeschobenen Vinyasa in die nächste Haltung geht. Wie in einer Choreographie wird so Übung für Übung aneinander gereiht – wie auf einer Perlenschnur. Die gesamte erste Serie schafft auch der Profi nicht unter einer Stunde.

Wobei die erste Serie eigentlich erst nach der 15 Körperhaltung anfängt. Alles Andere ist quasi Aufwärmphase. Denn Surya Namaskara A und B (also die Sonnengrüße) sowie die 11 stehenden Positionen (Fundamental Positions) sind sozusagen das Vorprogramm das den Körper auf Temperatur und die Haut zum Schwitzen bringen soll.

Das Hauptprogramm (Yoga Chikitsa) besteht dann aus 41 Haltungen. Eine der besten Illustrationen dazu bietet der Sportarzt- und Ashtanga-Experte Ronald Steiner auf seiner Ashtanga Webseite. Die abschließende Cool-Down-Phase ist dann geprägt von 16 Umkehrhaltungen und sehr tiefen, beruhigenden Atemzügen. Nach dieser Schlusssequenz kommt dann ca. 15 Minuten Entspannung bei der man einfach auf dem Rücken liegt und den Schweiß trocknen lässt.

Ausrichtung, Konzentration, Atmung

Egal welche Ashtanga-Haltung in der Praxis ausgeübt wird, die korrekte anatomische Ausrichtung und die Konzentration auf den tiefen Atem ist das was Ashtanga in Wirklichkeit ausmacht. Die Magie des Ashtanga entsteht, wenn sich alle drei Aspekte vollkommen synchron einstellen. Ein stabiler, fest verwurzelter Kontakt zum Boden ist die fundamentale Basis dafür. Erst wenn die Füße richtig stehen, das Becken und Schultern korrekt ausgerichtet sind, kann die notwendige Energie entstehen. Die Kunst im Ashtanga besteht darin die Energie zu lenken und so zu verwenden, dass auf der einen Seite die Angestrengtheit, Festigkeit, Korrektheit mit der Entspannung, Lockerheit und Gelassenheit zu vereint werden kann. Diese scheinbaren Widersprüche sind Bestandteil der gesamten Philosophie und vor allem wichtig in den praktischen Ashtanga-Übungen. Im dritten Yoga-Sutra (so eine Art Bibel der Yogis) steht dazu: „sthira-sukham-āsanam„. sthira steht für kraftvoll, fest, stabil und sukham für entspannt, bequem, leicht.

Das Ziel der Ashtanga-Praxis ist die bewegte Meditation im Einklang mit Geist und Körper. Erst allmählich erfährt man als Ashtanga-Anfänger die Tradition und der tiefere spirituelle Hintergrund der Übungen. Dies beginnt schon ganz am Anfang der Praxis. Noch bevor überhaupt der erste Sonnengruß praktiziert wird, wird das Ashtanga-Opening-Mantra gesungen. Auf Sanskrit gesungen, verneigt sich damit jeder Yogi vor den Indischen Yoga-Meistern und dankt für die Überlieferung der Jahrtausende alten Tradition. Entsprechend endet die Praxis mit dem Ashtanga-Closing-Mantra, bei dem eher an das harmonische und friedvolle Miteinander appelliert wird (Ashtanga Mangala Mantra).

Das was Ashtanga ausmacht lässt sich mit Worten nicht richtig erklären. Videos und Bücher vermitteln zwar einen ungefähren Eindruck, doch entscheidend ist, dass man Ashtanga Yoga macht. An dem häufig zitierten Satz „Ashtanga ist 99% Praxis und 1% Theorie“ ist wirklich was dran. Darum rolle ich jetzt meine Matte (die mit dem Fehldruck) aus, denn ich-mach-yoga.de.